Unter dem Motto „Göttingens Ernährung: Jetzt Zukunft gestalten!“ fand am 4. September 2026 eine Ernährungsdiskussion im Göttinger Startraum statt. Dabei wurden bestehende Strukturen der Göttinger Ernährungslandschaft sichtbar gemacht und Entwicklungschancen beleuchtet. Es zeigt sich: Göttingen verfügt bereits über gute Voraussetzungen für eine nachhaltige und regionale Lebensmittelversorgung. Gleichzeitig gibt es beim Einsatz regionaler und ökologisch erzeugter Lebensmittel noch viel Luft nach oben! Um diese Potenziale zu nutzen, ist auch die kommunale Politik gefragt.
Eingeladen zu dem fachlichen Austausch hatte der Ernährungsrat Göttingen & Südniedersachsen e.V. in Kooperation mit dem Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen e.V.. Teilgenommen haben kommunale Politiker*innen aus Stadt und Landkreis sowie Akteur*innen der regionalen Lebensmittelproduktion aus Landwirtschaft, Einzel- und Großhandel und Gastronomie. Ergänzt wurde die Runde durch Expertinnen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung Sektion Niedersachsen (DGE) und weiteren lokalen Initiativen. Die unterschiedlichen Perspektiven und die große fachliche Expertise ermöglichten einen praxisnahen Austausch über die Zukunft der Göttinger Ernährungslandschaft und boten insbesondere den kommunalpolitischen Vertreter*innen wertvolle Einblicke.
„Wir vom Ernährungsrat“, so Steffi Heidenreich vom Vorstand, „sehen unsere Aufgabe darin, die Akteure des Göttinger Ernährungssystems in Austausch zu bringen. Es geht uns darum, die regionalen Wertschöpfungsketten von den Erzeuger*innen bis hin zu den Verbraucher*innen zu stärken und auch in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Dabei weisen wir immer wieder auf die Chancen einer gesunden und zugleich krisensicheren Ernährung hin. Dies gilt besonders für Schulen und Kindergärten, da hier das Ernährungsverhalten der nächsten Generation geprägt wird.“
Ernährungsbildung: Wissen, wo unser Essen herkommt
Im fachlichen Austausch wurde deutlich, wie wenig die Strukturen und Zusammenhänge unserer Lebensmittelversorgung häufig im öffentlichen Bewusstsein präsent sind. Hier zeigt sich, wie wichtig Ernährungsbildung nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene ist. Vor Ort gibt es bereits wertvolle Angebote rund um gesunde und nachhaltige Ernährung, z.B. über das RUZ Reinhausen oder auch den Käsehof Landolfshausen. Auch Aktionen wie Koch-Workshops, Betriebsbesichtigungen und die Regio Challenge der Öko-Modellregion und des Ernährungsrats tragen zur kulinarischen Bildung der Verbraucher*innen bei. Solche Angebote insbesondere für Kinder und Jugendliche auszubauen und zu stärken, ist ein wichtige Aufgabe mit kommunaler Verantwortung. Denn gesundes Essen selbst zuzubereiten muss nicht zwangsläufig aufwendig oder besonders teuer sein. Das Wissen um Lebensmittel, ihre Herkunft und ihre Zubereitung geht uns jedoch immer mehr verloren.
Regionale Wertschöpfung: Gute Voraussetzungen mit viel Potenzial
Regionale Lebensmittelversorgung ist nicht nur eine Frage von Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Landwirtschaftliche Betriebe, Lebensmittelverarbeitung, Handel und Gastronomie sichern Arbeitsplätze und tragen zur regionalen Wertschöpfung bei. Diese wirtschaftliche Bedeutung findet in der öffentlichen Diskussion bislang häufig zu wenig Beachtung.
Dabei verfügt Südniedersachsen bereits über gute Voraussetzungen: Zahlreiche ökologisch wirtschaftende Betriebe profitieren von den Vermarktungs- und Logistikstrukturen des regionalen Bio-Großhändlers Naturkost Elkershausen sowie der ansässigen Biokisten-Betriebe, wie Lotta Karotta aus Gleichen. Zusätzliche Unterstützung erhalten die Bio-Betriebe durch die Arbeit der Öko-Modellregion Landkreis Göttingen. Diese bestehenden Strukturen bilden eine wichtige Grundlage, um regionale Wertschöpfungsketten weiter auszubauen. Konkret findet hierzu am 10. November eine Veranstaltung der Öko-Modellregion und der Erzeugerverbands Kostbares Südniedersachsen in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung Göttingen statt.
Gemeinschaftsverpflegung: Große Chancen für regionale Produkte durch Weiterverarbeitung
Immer mehr Lebensmittel werden nicht mehr zu Hause, sondern in Kantinen und anderen Einrichtung verzehrt. Daher gilt es insbesondere den Einsatz regionaler Produkte in der Gemeinschaftsverpflegung zu stärken. In Großküchen für die Schul- und Kita-Verpflegung, Klinikverpflegung, Betriebskantinen sowie in der Gastronomie werden kontinuierlich große Mengen verarbeitet.Diese könnten regionalen Betrieben zuverlässige Absatzmöglichkeiten und entsprechende Planungssicherheit bieten.
Dass regionale Produkte verfügbar sind, bedeutet allerdings noch nicht, dass sie auch problemlos in Großküchen eingesetzt werden können. Beispielsweise Kartoffeln: Großküchen benötigen bereits geschälte und küchenfertig vorbereitete Ware. In Südniedersachsen fehlt es jedoch an Verarbeitungsbetrieben, um regional erzeugte Kartoffeln in dieser Form anbieten zu können.
Der Aufbau solcher Strukturen wird in der Region schon länger diskutiert. Der damit verbundene organisatorische und finanzielle Aufwand kann jedoch nicht allein von den landwirtschaftlichen Betrieben oder dem Großhandel getragen werden. In diesem Punkt waren sich Johannes Müller vom Biolandhof Müller-Oelbke und Jonathan Mesecke von Naturkost Elkershausen einig. Hier braucht es gemeinsame Lösungen und auch Unterstützung auf kommunaler Ebene. Gleichzeitig besteht bei den bei den regionalen Betrieben eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
Genau hier setzt auch das Projekt „Göttingens Ernährung im Wandel“ (GiW) der Stadt Göttingen an. Es geht darum, die verschiedenen Akteur*innen entlang der regionalen Wertschöpfungskette stärker miteinander zu vernetzen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass regionale Lebensmittel ihren Weg tatsächlich in die Küchen finden. Dazu gehört nicht nur die Beratung einzelner Großküchen, sondern auch der Austausch zwischen den Küchenbetrieben sowie mit Erzeugung, Verarbeitung und Handel. Denn nur wenn die Anforderungen der Küchen und die Möglichkeiten der regionalen Betriebe zusammengebracht werden, können tragfähige Kooperationen und neue Bezugswege entstehen.
Erfolgreiche Projekte etablieren: Kommunale Verantwortung in der Praxis
Ein besonderes Beispiel einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit regionalen Erzeugern sind die Göttinger Küchenbetriebe. Das „Göttinger Modell“ der Stadt Göttingen unter Leitung von Anja Köchermann steht seit 2008 für gesunde, leckere und nachhaltige Kita- und Schulverpflegung. Es zeichnet sich durch einheitliche Qualitätsstandards nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), eine überwiegend pflanzenbasierte Speiseplanung sowie die bevorzugte Verwendung regionaler und saisonaler Lebensmittel aus.
Die Ansätze dieses Modells auch anderen Großküchen zugänglich zu machen, als Göttinger Modell 2.0 weiterzuentwickeln und damit messbar zu machen, ist ein Ziel des Projekts „Göttingens Ernährung im Wandel“. Gemeinsam mit der Hochschule Osnabrück und der DGE Niedersachsen bietet das Projekt eine ganzheitliche Beratung von Großküchen zur Speiseplangestaltung, Vermeidung von Lebensmittelabfällen und auch dem Bezug regionaler Produkte. Eine wichtige kommunale Aufgabe besteht darin, die im Rahmen des Projekts aufgebauten Strukturen auch über das Projekt hinaus in der Region zu verankern. Ebenso erforderlich ist es, die Küchenbetriebe zukunftsfähig aufzustellen und langfristig zu erhalten, wie auch die zu diesem Zeitpunkt kandidierende und nun amtierende Oberbürgermeisterin Onyeka Oshionwu bekräftigte.
Zukunftsausblick: Bestehende Strukturen stärken, regionale Potenziale nutzen
Der fachliche Austausch hat den kommunalpolitischen Vertreter*innen praxisnahe Einblicke in die Strukturen und Rahmenbedingungen der Göttinger Ernährungslandschaft ermöglicht. Dabei wurde deutlich, welche Potenziale bereits vorhanden sind, aber auch, welche Herausforderungen noch bewältigt werden müssen. Um die regionale Lebensmittelversorgung weiterzuentwickeln, braucht es den kontinuierlichen Austausch zwischen Landwirtschaft, Handel, Gemeinschaftsverpflegung und kommunaler Politik. Dafür hat diese Ernährungsdiskussion einen wichtigen Grundstein gelegt.
Mit einem spielerischen und ausgesprochen optimistischen Ausblick auf mögliche Erfolge in den nächsten zwei Jahren endete die Veranstaltung. Herzlichen Dank an Tanja Föhr für die gelungene Moderation inklusive Grafic Recording.









